Freitag, 2. Dezember 2011
Gehorsam
und meiner Meinung nach auch óft, ohne dass derjenige, der die GEwalt ausübt, das merkt ...
Donnerstag, 1. Dezember 2011
The 5 Best Toys of All Time
"Here at GeekDad we review a lot of products — books, toys, gadgets, software — and I know it’s impossible for most parents to actually afford all of the cool stuff that gets written up. Heck, most of us can’t afford it either, and we’re envious of the person who scored a review copy of a cool board game or awesome gizmo. (Disclosure: that person is probably me.) So while we love telling you about all the cool stuff that’s out there, I understand that as parents we all have limited budgets and we sometimes need help narrowing down our wishlists.
So to help you out, I’ve worked really hard to narrow down this list to five items that no kid should be without. All five should fit easily within any budget, and are appropriate for a wide age range so you get the most play out of each one. These are time-tested and kid-approved! And as a bonus, these five can be combined for extra-super-happy-fun-time.
So to help you out, I’ve worked really hard to narrow down this list to five items that no kid should be without. All five should fit easily within any budget, and are appropriate for a wide age range so you get the most play out of each one. These are time-tested and kid-approved! And as a bonus, these five can be combined for extra-super-happy-fun-time.
Evaluation von Offenen Unterricht
Falko Peschel geht in seinem Buch
„Offener Unterricht“ (Baltmannsweiler, 5. Auflage, 2009 - S. 215
bis 235) auch auf die Problemtatik der Evaluation und Implementation
von Offenen Unterricht ein.
Seiner Ansicht nach, „verdient fast
alles, was in der Schule als 'offener Unterricht' gehandelt wird,
dieses Etikett gar nicht.“ Also kann auch keiner die
Leistungsfähigkeit, die Effizienz der Metode evaluieren. Die
stundenweise Öffnung von Unterricht genügt nicht den Ansprüchen
eines Offenen Unterrichts und kann ebenfalls nicht als Referenz
herangezogen werden. In seinem Buch will Peschel zeigen, dass
„bisland noch keinerlei aussagekräftige Evaluation offenen
Unterrichts gegeben hat und selbst die wenigen ernst zu nehmenden
Studien nur sehr begrenzt Schlüssel zulassen“.
Die bisherigen Untersuchungen zielen
vor allem auf einen kognitiven Lernzuwachs hin und nicht so sehr auf
soziale und Persönlichkeitsentwicklung. Wenn ich also das falsche
Maßstab nehme, dann kann ich nur zu uneinheitlichen Ergebnissen
kommen. Die alte Problematik der Birnen und Äpfel.
Peschel kommt wiederholt zu dem Schluß,
dass es keine oder fast keine Freiarbeit gibt: „Im Grunde existiert
Freie Arbeit als durchgehendes Konzept auch in 'Freiarbeitsklassen'
also gar nicht.“
Er selbst hat aufgrund von
verschiedenen Evaluationsinstrumenten, die eher einen
Kompetenzzuwachs als einen kognitiven Lernzuwachs messen, in seinen
Klassen die Möglichkeit zu sehen, dass „in der Regel höhere
Fachleistungen messbar“ sein könnten. Die größere
Selbstständigkeit, Sozialkompetenz und allgemeine Reife der Kinder,
die in seinem Offenen Unterricht kennengelernt haben, könne man „nur
vor Ort in der Klasse spüren“.
Auch bei Schülerbefragungen sticht das
Argument, dass die befragten Schüler noch keinen Offenen Unterricht
selber in der Reinform erlebt haben – und deswegen auch nicht
Stellung dazu nehmen können. Bei Einzeldarstellungen, z.B. von
Olivier Keller (1999 - „Denn mein Leben ist lernen“) wird ein
fast romantischer Kindheitsbegriff zur Allgemeingültigkeit erhoben,
in dem die Abwesenheit von Schule als lernförderlich gesehen wird.
Es gibt auch genügend Kinder in Deutschland, die sich der
Schulpflicht entziehen und sie werden in der Mehrzahl nicht tolle
Persönlichkeiten, die in vielen Bereichen Kompetenzen entwickeln.
Peschel sagt, dass, nach seiner Meinung
und nach seinen eigenen Beobachtungen, ein klaren methodischen
Vorteil des Offenen Unterrichts erkennbar sein kann. Und weiter heißt
es: „Bevor diese Annahme bestätigt werden kann, muss aber einmal
der Anteil an Offenen Unterricht in unseren Schulen so vergößert
werden, dass die Relevanz und Effektivität dieses Unterrichts durch
qualitative und quantitative Verfahren bewiesen werden kann.“ Also
bevor man empirische Ergebnisse hat, sollte man den Offenen
Unterricht flächendeckend einführen und die positiven Erfahrungen
führen dazu, dass auch die Kritiker des Offenen Unterrichts
irgenwann überzeugt werden - „wenn dies ihr Menschenbild zulässt“
Mittwoch, 30. November 2011
Der "Pestalozzi" in Ecuador, Rebecca und Mauricio Wild
http://vimeo.com/4211517
- Rebeca Wild: Kinder im Pesta: Erfahrungen auf dem Weg zu einer vorbereiteten Umgebung für Kinder. Arbor-Verlag, 1993, ISBN 978-3924195106.
- Rebeca Wild, Lienhard Valentin (Herausgeber): Erziehung zum Sein. Erfahrungsbericht einer aktiven Schule. Arbor Verlag, 1986, 10. Auflage 2001, ISBN 978-3-933020-00-0.
- Rebeca Wild: Sein zum Erziehen. Mit den Kindern leben lernen. Arbor Verlag, 5. Auflage 1995, ISBN 978-3924195083.
- Rebeca Wild: Lebensqualität für Kinder und andere Menschen – Erziehung und der Respekt für das innere Wachstum von Kindern und Jugendlichen. Beltz, 3. Auflage 2001, ISBN 978-3407220929.
- Rebeca Wild: Genug gute Eltern 2006
- Rebeca Wild: Freiheit und Grenzen - Liebe und Respekt
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Das neue Paradigma der Erziehung: keine Erziehung
Das neue Paradigma der Erziehung: keine Erziehung
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul meint, wir sollten uns von der Idee der Erziehung ganz verabschieden und stattdessen mit unseren Kindern endlich wirklich in Beziehung treten.
Erziehen - da steckt das ziehen schon mit drin, und die Anstrengung auch. Und dann noch wie? Eltern sein ist nicht leicht dieser Tage, Erziehungswissenschaftler und -berater könnten sich in ihren Ratschlägen kaum grundlegender widersprechen. Eltern sind einer Fülle von verschiedenen Erziehungskonzepten ausgesetzt, die jeweils suggerieren, das jeweils andere sei für das Kind ganz schrecklich falsch. Das Geschäft mit Erziehungsratgebern boomt und im Fernsehen sehen sich Millionen von verunsicherten Eltern Sendungen wie "Die Super-Nanny" an - man ahnt die Ausmaße der Verwirrung. Da sehnen sich wohl manche in vergangene Zeiten zurück, als "man" noch wusste, wie man Kinder erzieht. Woran sich orientieren? Die Angst vieler Eltern, etwas "falsch zu machen", dem Kind womöglich schweren psychischen Schaden zuzufügen, wird umso größer, je weniger Konsens es darüber gibt, was falsch und richtig ist.
Inmitten dieses Chaos, stolpert man beinahe über die Stimme von Jesper Juul. Der nämlich meint, wir sollten das Erziehen doch einfach ganz sein lassen. Und er meint das nicht im Sinne von "einfach machen lassen (laissez-faire)", sondern in dem Sinn, dass die Idee des Erziehens an sich eine irreführende ist.
Erziehung, das bedeutet nämlich in den meisten Fällen eigentlich Abrichtung. Bestrafung ist zwar heute nicht mehr ganz so in, Belohnung "die postmoderne Version der Bestrafung" (Juul), ist es aber noch. Die ganze Logik orientiert sich immer noch an Pawlow, der Hunden mit Hundekeksen das Sabbern auf Befehl beibrachte.
Die Beziehung von Eltern zum Kind sei in vielen Fällen eine Subjekt-Objekt Beziehung, kritisiert Juul. Das Kind solle letztlich nach den Vorstellungen der Eltern "funktionieren". Erziehung sei meistens damit befasst, abweichendes Verhalten durch Bestrafung und Belohnung zu korrigieren und Kinder so zur Kooperation mit den Vorstellungen der Eltern zu bewegen. Noch immer glauben viele Eltern, Erziehung sei ein Machtkampf, bei dem es die Oberhand zu behalten gilt, sonst entstünde ein Tyrann. Was für fatale Auswirkungen eine solche Einstellung auf eine zwischenmenschliche Beziehung haben muss, liegt eigentlich auf der Hand.
"Stellen Sie sich mal vor, eine Frau würde ihrem Mann jedes Mal eine Belohnung geben, wenn er etwas richtig macht. Das ist doch keine Nähe-Beziehung", veranschaulicht Juul, den Umgang vieler Eltern mit ihren Kindern. Sein Vorschlag ist einfach und schwierig zugleich: Kinder als gleichwürdig zu akzeptieren und mit ihnen in Beziehung treten, wie mit einem Partner oder Freund.
"Eine Übung, die ich gerne mit Eltern mache, ist folgende: Ich bitte sie, sich vorzustellen, dass sie den Konflikt, den sie mit ihrem siebenjährigen Sohn haben, nicht mit ihm, sondern mit ihrem erwachsenen Freund haben. Dann frage ich sie, was sie sagen würden. Genauso wie sie sich auf diesen anderen Erwachsenen einlassen, genauso müssten sie sich auf ihr Kind einlassen.
Ich habe es schon oft erlebt, dass Eltern in einer solchen Situation plötzlich anfangen zu weinen, weil sie es so sehr bedauern, nie an diese Möglichkeit gedacht zu haben - die Möglichkeit im wahrsten Sinne des Wortes "freundlich" zu ihrem Kind zu sein. Sie haben dauernd nur eins im Kopf: Sie müssen ihr Kind 'er-ziehen' und vergessen dabei, sich zu 'be-ziehen'!", erklärt Juul das Grundmisverständnis vieler Eltern.
Von Erziehung zu Beziehung also.
Juuls Erziehungsmethode ist also gar keine. Es geht einfach nur um soziale Kompetenz und gewaltfreie Kommunikation. Er geht davon aus, dass das Kind von Geburt an sozial und emotional ebenso kompetent ist, wie ein Erwachsener, jedoch über keinerlei Erfahrung verfügt, so dass sich diese Kompetenz immer entsprechend der kindlichen Reife äußert. Sie muss ihm aber nicht erst durch Erziehung, d.h. durch die Eltern oder Institutionen, beigebracht werden. Das Kind ist schon Mensch, es muss nicht irgendwie gemacht werden, muss nicht lernen zu gehorchen, es muss nicht erzogen werden. Es reicht, mit dem Kind in Beziehung zu sein. Das bedeutet auch ein ehrliches Interesse der Eltern, herauszufinden, wer das Kind ist, statt sich damit zu befassen, wie man es zu irgendetwas erziehen kann.
Kinder lernen ihr Verhalten sowieso nicht durch Erziehung, betont Juul, Kinder lernen durch Imitation. Sie lernen also vor allem die zwischenmenschliche Komponente einer Situation, nicht unbedingt das, was sprachlich gesagt wird. Eltern sind so vor allem eines: Vorbilder.
Kinder lernen das, was ihnen vorgelebt wird, sie müssen beobachten und experimentieren dürfen, dann fügen sie sich ganz von selbst durch Nachahmung in Familie ein. Kinder haben von Natur aus ein Interesse zu lernen und zu kooperieren, sie möchten dazugehören, sie möchten Teil der Kultur und Gruppe werden, die sie umgibt. Das Kind hat ein Interesse, sich einzufügen und imitiert daher seine Umwelt. Dazu braucht es Raum zu versuchen und auszuprobieren. Ein ständiger Strom von Ermahnungen und Erklärungen bewirkt nur, dass das Kind sich dumm oder falsch fühlt, selbst wenn der Umgangston freundlich und verständnisvoll ist. Die Botschaft selbst wohlmeinender Erziehung ist meist: „Du bist nicht gut genug".
Die Eltern haben eine Führungsrolle und sollen dem Kind ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit geben, es beschützen und empathisch begleiten - all das ist nicht unbedingt erziehen, sondern vielmehr helfen.
Gleichwürdigkeit bedeutet weder Ebenbürtigkeit noch Gleichheit. Ganz offensichtlich haben die Eltern mehr Wissen, Kraft und Macht als das Kind, es wäre dumm, dies zu leugnen. Aber die Gefühle, die Gedanken, Bedürfnisse und Interessen des Kindes können trotzdem als gleichwürdig geachtet werden - das Kind kann mit seiner Welt ernstgenommen werden. Das heißt nicht, dass dem Kind alle Wünsche erfüllt werden, aber zumindest wird es mit diesen Wünschen angehört und respektiert, auch wenn ihnen nicht immer entsprochen werden kann.
Integrität bedeutet in der Familie, dass Eltern lernen, ihre eigenen Grenzen zu äußern, statt Grenzen für ihre Kinder zu finden. Die eigenen Grenzen zu spüren und auf bedeutungsvolle Weise zu kommunizieren, zu einem 'Nein' zu stehen, ohne sich dabei in eine Machtposition über das Kind zu erheben - das sind nach Juul die Lernaufgaben für die Eltern. Besonders für solche, die das Kind immer glücklich haben wollen. Grenzen sollten sich niemals aus Konventionen oder Regeln ergeben, es sollten persönliche Grenzen der Familienmitglieder sein. Ein Kind lernt, Grenzen zu achten, wenn seine Grenzen ebenfalls geachtet werden.
Authentisch man selbst zu sein, ist auch eine große Erleichterung: Wir brauchen nicht mehr in einer Elternrolle leben, immer nett und freundlich sein, Mama oder Papa spielen. Im Gegenteil: Sich authentisch zu verhalten, ist für Juul einer der Schlüssel. Es reicht, wenn wir so sind, wie wir sind, damit haben wir schon genug zu tun. Der Fokus liegt immer darauf, dass alle in der Familie sagen können, was sie fühlen und damit ernstgenommen werden. Das bedeutet auch, dass Eltern Fehler machen und Schwäche zeigen dürfen. Dass sie weinen, schreien und verzweifelt sein können. Nur sollte niemand den anderen je verletzen oder kränken.
Eigenverantwortung ist die Verantwortung für unser eigenes Verhalten, unsere Gefühle, unsere Reaktionen, unsere Werte. Verantwortung zu übernehmen heißt auch, Fehler einzugestehen, sich zu entschuldigen. Eltern sind zudem in jeder Situation verantwortlich für die Qualität der Beziehung. Kinder sind schlicht nicht in der Lage, diese Verantwortung zu übernehmen. Sehr wohl wissen Kinder aber, wann sie satt sind und oder hunger haben. In der Kommunikation sollten alle über sich sprechen, über die eigenen Gefühle. Vor allem sollte das Kind nicht definiert werden: "Ich fühle mich gerade gestresst" fühlt sich für das Kind anders an als "Du bist unmöglich, du nervst."
Da Kinder vor allem imitieren, zeigt ein schwieriges Kind vor allem schwierige Eltern. Jedes auffällige Verhalten von Kindern und Jugendlichen, so Juul, kann man auf zwei Ursachen zurückführen: Entweder haben Erwachsene die kindliche Integrität verletzt oder die Kinder haben aus Druck überkooperiert und keine eignen Grenzen, kein Selbstwertgefühl entwickelt.
"Wir müssen Kinder heute, in völlig anderer Weise, mit einer anderen Art von Anstrengung großziehen. Wir müssen mehr nach innen schauen, in uns selbst, statt ständig auf die Kinder. Das ist sehr schwierig, weil unsere Werte, die Kinder betreffen, verkrustet sind. Kinder haben in unserer Kultur an Achtung und Respekt verloren. Auch für die Erwachsenen ist das traditionelle Erziehungsverhalten schädlich. Es hält sie in einem Rollenschema fest und verhindert eigenes Wachstum", so Juul.
Nicht selten werden Kinder uns auch an unsere eigene Kindheit unsere eigenen Wunden erinnern. Mit ihnen können wir lernen, wieder mit diesen Aspekten von uns selbst in Kontakt zu kommen.
"Kinder sind am wertvollsten für ihre Eltern, wenn sie schwierig werden. Das ist nämlich der Augenblick, in dem die Eltern aufmerken sollten - Was ist es, was wir jetzt ändern müssen? - statt sich Gedanken darüber zu machen, wie sie das Kind verändern und 'korrigieren', damit es nicht mehr so schwierig ist. Kinder sind keine Dinge, die wir beliebig verändern können, sie sind Menschen, mit denen wir zusammen lernen können."
Juul wird wohl vor allem von solchen Menschen den schnellsten Applaus erhalten, die selbst keine Kinder haben. Manche Eltern hingegen sind skeptisch. Hat Herr Juul schonmal versucht, mit einem trotzigen dreijährigen ein gleichwürdiges Gespräch zu führen? Wie hilft das bei 'Ich will nicht ins Bett' und 'Ich will Gummibärchen', bei Trotz- und Heulattacken?
Juul ist selbst Vater und macht seinen Job seit 20 Jahren. Gern weißt er darauf hin, dass er keine Methode vertrete, die Kinder dazu bringe, das zu tun, was die Eltern wollen. Sondern Werkzeuge, wie sie eine gesunde Beziehung zueinander pflegen können. Auseinandersetzungen sind nicht nur vorprogrammiert, sie sind wichtig. Eltern sind die Sparringspartner des Kindes, hier lernen sie, was zwischenmenschliche Beziehungen bedeuten, hier lernen sie, wie man Konflikte und Streits auflösen kann.
"Der Weg zur Gleichwürdigkeit ist schwierig - emotional wie intellektuell." gibt auch Mathias Voelchert zu bedenken, der das familylab in Deutschland leitet, dass sich an den Ideen Juuls orientiert. "Es ist einfach schwer aufzuhören, im 'Erwachsenen gegen Kind'-Modus zu denken. Es ist schwer, eine Haltung anzunehmen, die beiden Seiten gleich dient und nicht die Bedürfnisse des einen über die des anderen stellt. Der Fokus muss darauf gerichtet werden, was zwischen den beiden abläuft. Das ist für Familien, Schulen, Betriebe ein komplett neues Terrain. Es ist nicht nur anders als bisheriges Denken, es ist vielmehr komplett neu. Es gibt nichts Geeignetes, aus der Vergangenheit, auf das wir zurückgreifen könnten."
Dann ist es wohl zeit für was Neues.
Das Erziehen endlich sein lassen
Erziehen - da steckt das ziehen schon mit drin, und die Anstrengung auch. Und dann noch wie? Eltern sein ist nicht leicht dieser Tage, Erziehungswissenschaftler und -berater könnten sich in ihren Ratschlägen kaum grundlegender widersprechen. Eltern sind einer Fülle von verschiedenen Erziehungskonzepten ausgesetzt, die jeweils suggerieren, das jeweils andere sei für das Kind ganz schrecklich falsch. Das Geschäft mit Erziehungsratgebern boomt und im Fernsehen sehen sich Millionen von verunsicherten Eltern Sendungen wie "Die Super-Nanny" an - man ahnt die Ausmaße der Verwirrung. Da sehnen sich wohl manche in vergangene Zeiten zurück, als "man" noch wusste, wie man Kinder erzieht. Woran sich orientieren? Die Angst vieler Eltern, etwas "falsch zu machen", dem Kind womöglich schweren psychischen Schaden zuzufügen, wird umso größer, je weniger Konsens es darüber gibt, was falsch und richtig ist.Inmitten dieses Chaos, stolpert man beinahe über die Stimme von Jesper Juul. Der nämlich meint, wir sollten das Erziehen doch einfach ganz sein lassen. Und er meint das nicht im Sinne von "einfach machen lassen (laissez-faire)", sondern in dem Sinn, dass die Idee des Erziehens an sich eine irreführende ist.
In Beziehung sein
Erziehung, das bedeutet nämlich in den meisten Fällen eigentlich Abrichtung. Bestrafung ist zwar heute nicht mehr ganz so in, Belohnung "die postmoderne Version der Bestrafung" (Juul), ist es aber noch. Die ganze Logik orientiert sich immer noch an Pawlow, der Hunden mit Hundekeksen das Sabbern auf Befehl beibrachte.Die Beziehung von Eltern zum Kind sei in vielen Fällen eine Subjekt-Objekt Beziehung, kritisiert Juul. Das Kind solle letztlich nach den Vorstellungen der Eltern "funktionieren". Erziehung sei meistens damit befasst, abweichendes Verhalten durch Bestrafung und Belohnung zu korrigieren und Kinder so zur Kooperation mit den Vorstellungen der Eltern zu bewegen. Noch immer glauben viele Eltern, Erziehung sei ein Machtkampf, bei dem es die Oberhand zu behalten gilt, sonst entstünde ein Tyrann. Was für fatale Auswirkungen eine solche Einstellung auf eine zwischenmenschliche Beziehung haben muss, liegt eigentlich auf der Hand.
"Stellen Sie sich mal vor, eine Frau würde ihrem Mann jedes Mal eine Belohnung geben, wenn er etwas richtig macht. Das ist doch keine Nähe-Beziehung", veranschaulicht Juul, den Umgang vieler Eltern mit ihren Kindern. Sein Vorschlag ist einfach und schwierig zugleich: Kinder als gleichwürdig zu akzeptieren und mit ihnen in Beziehung treten, wie mit einem Partner oder Freund.
"Eine Übung, die ich gerne mit Eltern mache, ist folgende: Ich bitte sie, sich vorzustellen, dass sie den Konflikt, den sie mit ihrem siebenjährigen Sohn haben, nicht mit ihm, sondern mit ihrem erwachsenen Freund haben. Dann frage ich sie, was sie sagen würden. Genauso wie sie sich auf diesen anderen Erwachsenen einlassen, genauso müssten sie sich auf ihr Kind einlassen.
Ich habe es schon oft erlebt, dass Eltern in einer solchen Situation plötzlich anfangen zu weinen, weil sie es so sehr bedauern, nie an diese Möglichkeit gedacht zu haben - die Möglichkeit im wahrsten Sinne des Wortes "freundlich" zu ihrem Kind zu sein. Sie haben dauernd nur eins im Kopf: Sie müssen ihr Kind 'er-ziehen' und vergessen dabei, sich zu 'be-ziehen'!", erklärt Juul das Grundmisverständnis vieler Eltern.
Von Erziehung zu Beziehung also.
Lernen durch Imitation
Juuls Erziehungsmethode ist also gar keine. Es geht einfach nur um soziale Kompetenz und gewaltfreie Kommunikation. Er geht davon aus, dass das Kind von Geburt an sozial und emotional ebenso kompetent ist, wie ein Erwachsener, jedoch über keinerlei Erfahrung verfügt, so dass sich diese Kompetenz immer entsprechend der kindlichen Reife äußert. Sie muss ihm aber nicht erst durch Erziehung, d.h. durch die Eltern oder Institutionen, beigebracht werden. Das Kind ist schon Mensch, es muss nicht irgendwie gemacht werden, muss nicht lernen zu gehorchen, es muss nicht erzogen werden. Es reicht, mit dem Kind in Beziehung zu sein. Das bedeutet auch ein ehrliches Interesse der Eltern, herauszufinden, wer das Kind ist, statt sich damit zu befassen, wie man es zu irgendetwas erziehen kann.Kinder lernen ihr Verhalten sowieso nicht durch Erziehung, betont Juul, Kinder lernen durch Imitation. Sie lernen also vor allem die zwischenmenschliche Komponente einer Situation, nicht unbedingt das, was sprachlich gesagt wird. Eltern sind so vor allem eines: Vorbilder.
Kinder lernen das, was ihnen vorgelebt wird, sie müssen beobachten und experimentieren dürfen, dann fügen sie sich ganz von selbst durch Nachahmung in Familie ein. Kinder haben von Natur aus ein Interesse zu lernen und zu kooperieren, sie möchten dazugehören, sie möchten Teil der Kultur und Gruppe werden, die sie umgibt. Das Kind hat ein Interesse, sich einzufügen und imitiert daher seine Umwelt. Dazu braucht es Raum zu versuchen und auszuprobieren. Ein ständiger Strom von Ermahnungen und Erklärungen bewirkt nur, dass das Kind sich dumm oder falsch fühlt, selbst wenn der Umgangston freundlich und verständnisvoll ist. Die Botschaft selbst wohlmeinender Erziehung ist meist: „Du bist nicht gut genug".
Die Eltern haben eine Führungsrolle und sollen dem Kind ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit geben, es beschützen und empathisch begleiten - all das ist nicht unbedingt erziehen, sondern vielmehr helfen.
Gleichwürdigkeit, Integrität, Authentizität und Eigenverantwortung
Es sind vor allem vier Prinzipien, die nach Juul eine Eltern-Kind-Beziehung gelingen lassen: Gleichwürdigkeit, Integrität, Authentizität und Eigenverantwortung.Gleichwürdigkeit bedeutet weder Ebenbürtigkeit noch Gleichheit. Ganz offensichtlich haben die Eltern mehr Wissen, Kraft und Macht als das Kind, es wäre dumm, dies zu leugnen. Aber die Gefühle, die Gedanken, Bedürfnisse und Interessen des Kindes können trotzdem als gleichwürdig geachtet werden - das Kind kann mit seiner Welt ernstgenommen werden. Das heißt nicht, dass dem Kind alle Wünsche erfüllt werden, aber zumindest wird es mit diesen Wünschen angehört und respektiert, auch wenn ihnen nicht immer entsprochen werden kann.
Integrität bedeutet in der Familie, dass Eltern lernen, ihre eigenen Grenzen zu äußern, statt Grenzen für ihre Kinder zu finden. Die eigenen Grenzen zu spüren und auf bedeutungsvolle Weise zu kommunizieren, zu einem 'Nein' zu stehen, ohne sich dabei in eine Machtposition über das Kind zu erheben - das sind nach Juul die Lernaufgaben für die Eltern. Besonders für solche, die das Kind immer glücklich haben wollen. Grenzen sollten sich niemals aus Konventionen oder Regeln ergeben, es sollten persönliche Grenzen der Familienmitglieder sein. Ein Kind lernt, Grenzen zu achten, wenn seine Grenzen ebenfalls geachtet werden.
Authentisch man selbst zu sein, ist auch eine große Erleichterung: Wir brauchen nicht mehr in einer Elternrolle leben, immer nett und freundlich sein, Mama oder Papa spielen. Im Gegenteil: Sich authentisch zu verhalten, ist für Juul einer der Schlüssel. Es reicht, wenn wir so sind, wie wir sind, damit haben wir schon genug zu tun. Der Fokus liegt immer darauf, dass alle in der Familie sagen können, was sie fühlen und damit ernstgenommen werden. Das bedeutet auch, dass Eltern Fehler machen und Schwäche zeigen dürfen. Dass sie weinen, schreien und verzweifelt sein können. Nur sollte niemand den anderen je verletzen oder kränken.
Eigenverantwortung ist die Verantwortung für unser eigenes Verhalten, unsere Gefühle, unsere Reaktionen, unsere Werte. Verantwortung zu übernehmen heißt auch, Fehler einzugestehen, sich zu entschuldigen. Eltern sind zudem in jeder Situation verantwortlich für die Qualität der Beziehung. Kinder sind schlicht nicht in der Lage, diese Verantwortung zu übernehmen. Sehr wohl wissen Kinder aber, wann sie satt sind und oder hunger haben. In der Kommunikation sollten alle über sich sprechen, über die eigenen Gefühle. Vor allem sollte das Kind nicht definiert werden: "Ich fühle mich gerade gestresst" fühlt sich für das Kind anders an als "Du bist unmöglich, du nervst."
Kinder als Spiegel
Da Kinder vor allem imitieren, zeigt ein schwieriges Kind vor allem schwierige Eltern. Jedes auffällige Verhalten von Kindern und Jugendlichen, so Juul, kann man auf zwei Ursachen zurückführen: Entweder haben Erwachsene die kindliche Integrität verletzt oder die Kinder haben aus Druck überkooperiert und keine eignen Grenzen, kein Selbstwertgefühl entwickelt."Wir müssen Kinder heute, in völlig anderer Weise, mit einer anderen Art von Anstrengung großziehen. Wir müssen mehr nach innen schauen, in uns selbst, statt ständig auf die Kinder. Das ist sehr schwierig, weil unsere Werte, die Kinder betreffen, verkrustet sind. Kinder haben in unserer Kultur an Achtung und Respekt verloren. Auch für die Erwachsenen ist das traditionelle Erziehungsverhalten schädlich. Es hält sie in einem Rollenschema fest und verhindert eigenes Wachstum", so Juul.
Nicht selten werden Kinder uns auch an unsere eigene Kindheit unsere eigenen Wunden erinnern. Mit ihnen können wir lernen, wieder mit diesen Aspekten von uns selbst in Kontakt zu kommen.
"Kinder sind am wertvollsten für ihre Eltern, wenn sie schwierig werden. Das ist nämlich der Augenblick, in dem die Eltern aufmerken sollten - Was ist es, was wir jetzt ändern müssen? - statt sich Gedanken darüber zu machen, wie sie das Kind verändern und 'korrigieren', damit es nicht mehr so schwierig ist. Kinder sind keine Dinge, die wir beliebig verändern können, sie sind Menschen, mit denen wir zusammen lernen können."
Ein weiter Weg
Juul wird wohl vor allem von solchen Menschen den schnellsten Applaus erhalten, die selbst keine Kinder haben. Manche Eltern hingegen sind skeptisch. Hat Herr Juul schonmal versucht, mit einem trotzigen dreijährigen ein gleichwürdiges Gespräch zu führen? Wie hilft das bei 'Ich will nicht ins Bett' und 'Ich will Gummibärchen', bei Trotz- und Heulattacken?Juul ist selbst Vater und macht seinen Job seit 20 Jahren. Gern weißt er darauf hin, dass er keine Methode vertrete, die Kinder dazu bringe, das zu tun, was die Eltern wollen. Sondern Werkzeuge, wie sie eine gesunde Beziehung zueinander pflegen können. Auseinandersetzungen sind nicht nur vorprogrammiert, sie sind wichtig. Eltern sind die Sparringspartner des Kindes, hier lernen sie, was zwischenmenschliche Beziehungen bedeuten, hier lernen sie, wie man Konflikte und Streits auflösen kann.
"Der Weg zur Gleichwürdigkeit ist schwierig - emotional wie intellektuell." gibt auch Mathias Voelchert zu bedenken, der das familylab in Deutschland leitet, dass sich an den Ideen Juuls orientiert. "Es ist einfach schwer aufzuhören, im 'Erwachsenen gegen Kind'-Modus zu denken. Es ist schwer, eine Haltung anzunehmen, die beiden Seiten gleich dient und nicht die Bedürfnisse des einen über die des anderen stellt. Der Fokus muss darauf gerichtet werden, was zwischen den beiden abläuft. Das ist für Familien, Schulen, Betriebe ein komplett neues Terrain. Es ist nicht nur anders als bisheriges Denken, es ist vielmehr komplett neu. Es gibt nichts Geeignetes, aus der Vergangenheit, auf das wir zurückgreifen könnten."
Dann ist es wohl zeit für was Neues.
Link zu familylab, mit vielen Interviews und Videos von Jesper Juul:
http://www.familylab.deDienstag, 29. November 2011
Wie unser Gehirn lernt - Professor Dr. Dr. Spitzer Vortrag
Teil 1: http://www.youtube.com/watch?v=L_jAJbp9jZs
Teil 2: http://www.youtube.com/watch?v=aJg81e-XtUw&feature=related
Teil 3: http://www.youtube.com/watch?v=L-eysCM-z9c&feature=related
Teil 4: http://www.youtube.com/watch?v=9kVE3GNTLTY&feature=related
Teil 2: http://www.youtube.com/watch?v=aJg81e-XtUw&feature=related
Teil 3: http://www.youtube.com/watch?v=L-eysCM-z9c&feature=related
Teil 4: http://www.youtube.com/watch?v=9kVE3GNTLTY&feature=related
Montag, 28. November 2011
Offener Unterricht: Am Anfang oder am Ende ?
Plädoyer für ein Überdenken "freier Arbeitsformen"
Falko Peschel
Kernpunkt der Reform ist die Öffnung von Schule; der lernzielorientierte Frontalunterricht weicht der Idee eines "Offenen Unterrichts". Einige Schulen sind sofort dabei, sehen Schule als Lern- und Lebensraum der Kinder, nutzen die ihnen jetzt durch unverbindlicher formulierte Lehrpläne anvertraute Freiheit und entwickeln engagiert eigene Schulprogramme. Andere Schulen sind schwerfälliger, halten die neuen Methoden entweder für eine wieder vorbeigehende "Masche" wie seinerzeit die Mengenlehre oder aber "haben es ja immer schon so gemacht".
Was herauskommt ist eine Praxis Offenen Unterrichts, die verschiedener nicht sein könnte. Dem Offenen Unterricht vorangestellte Unterrichtsmethoden wie Freiarbeit, Wochenplan und Projektunterricht werden -da indirekt vorgeschrieben - mittlerweile formal von den meisten Lehrern bzw. Schulen praktiziert. Beleuchtet man aber das, was dort im Unterricht passiert, so ist von einem "offenen" Unterricht oft nichts zu spüren: Freiarbeit pendelt zwischen Laisser-faire und strengen Vorgaben hin und her und der Wochenplan ist die Zusammenfassung aller vorher einzeln ausgegebenen Arbeitsblätter anstelle einer auf das einzelne Kind abgestimmten Arbeitshilfe zum selbständigen Lernen. Projektunterricht in Reinform weicht "Alibi-Projektwochen", die meist komplett von den Lehrern vorgegeben werden und in themenzentrierten Unterrichtsreihen oder "Hobbyprogrammen" mit anschließender Ergebnisausstellung zur "Schulpromotion" enden.
Wer dabei auf der Strecke bleibt, sind Kind und Reform. Beim "Vorschreiben" freien Arbeitens durch die Richtlinien hat man nicht bedacht, dass das mit der Praktizierung freier Lernformen einhergehende Vertrauen in das selbständige Lernen der Kinder bei vielen Lehrpersonen so nicht vorhanden ist. Die Folge ist klar: Man überträgt die neuen Begriffe auf die alte Praxis - die Begriffe verwaschen. Die Utopie eines Offenen Unterrichts ist - nach einem missglückten Start Anfang der siebziger Jahre- durch aktuelle Konzepte wie "Lesen durch Schreiben", "Mathe 2000" und Werkstattunterricht zwar nun scheinbar wieder hoffähig geworden, hat sich im Prinzip aber selbst verloren und stellt nur noch die blasse Kontur des ursprünglichen Ideals dar:
selbständige Kinder arbeiten intensiv und mit Spaß an eigenen Aufgaben, gestalten sich ihre Schule und ihren Unterricht gemeinsam selber.
Besinnt man sich wieder auf dieses Ideal, so wird der Missbrauch der oben angesprochenen freien Unterrichtsformen offenbar. Das Vertrauen in die Kinder lässt keine Kompromisse zu. Der Lehrer muss die Schüler vom ersten Tag an wirklich selbständig arbeiten lassen. Er muss sie als Individuen sehen und annehmen. Er muss ihnen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen, darf dabei aber nicht ihre Selbständigkeit einschränken.
So verstandener Offener Unterricht zeigt die Ziele von Freiarbeit, Wochenplan und Projektunterricht wieder anschaulich und fasst die Arbeitsformen im Endeffekt auch wieder zusammen: Freiarbeit ist die individuelle Beschäftigung mit selbstausgesuchten Themen und kreativen, eben nicht rein reproduktiven Materialien, Wochenplan die individuelle Organisationshilfe, die sich der einzelne Schüler selbst zusammenstellt und Projektunterricht das gemeinsam geplante Angehen eines zusammen ausgesuchten Themas.
Dabei muss nicht jede Stunde Unterricht in der Schule Offener Unterricht sein, aber dieser muss immer die Ausgangsbasis darstellen. Das Vertrauen des Lehrers in die Schüler muss bei jedem Fach und jeder Methode ehrlich und für die Kinder offensichtlich sein. Halte ich als Lehrer einen großen Teil "Informationsunterricht" für notwendig, so müssen diese Phasen aus dem Unterricht situativ begründbar sein und so für den Schüler transparent sein. Nur so kann eine innere Lernbereitschaft entstehen; man muss wissen, wofür man etwas lernt.
Läuft der lehrerzentrierte Unterricht nicht nach diesem Grundsatz ab, so können die offeneren Phasen nur ein nicht ernst gemeintes Alibi zur "Richtlinienverwirklichung" darstellen, denn pädagogisch ist dieser harte Wechsel des "Erziehungsstils" nicht zu rechtfertigen, da sich die Schüler notgedrungen in einer aussichtslosen Doppelbindungssituation befinden: Einerseits größtmögliche Anpassung an den vorgegebenen Stoff, den Lernweg, an Zeit und Raum, andererseits kreatives Entdecken und selbständiger Wissenserwerb auf individuellem Weg. Diesen Widerspruch zu überwinden, das können nur die intelligentesten und anpassungsfähigsten Kinder schaffen.
Schön wäre es, wenn wieder viele Lehrer Vertrauen in die ihnen anvertrauten Kinder und ihr Lernen fassen und ihre Zeit nicht mit "Motivationstricks" und "Überdifferenzierung" verschenken würden, ihre Arbeitsmittelsammlungen auf ein paar wirklich wertvolle, kreativitätsfördernde, zum Selber-Entdecken und Selber-Denken anregende Materialien reduzieren würden (z.B. nur weiße Blätter und Sachbücher) und so den Kindern die Chance gäben, dem schulischen Konsum zu entgehen und einmal wirklich selbst arbeiten zu dürfen.
Und dies ganz, ganz konsequent und mit einem hohen Ideal!"
http://offener-unterricht.net/ou/start-offu.php?action=selbler
http://offener-unterricht.net/
Falko Peschel
Schule im 21. Jahrhundert - Schule im Umbruch?
Schon seit dem Erscheinen der letzten Richtlinien für die Grundschule Mitte der achtziger Jahre ist die Reform der Grundschule legitimiert, Lehrer und Schulaufsicht lösen sich schneller oder langsamer von alten Konzepten und versuchen, eine andere, neue Schule zu machen.Kernpunkt der Reform ist die Öffnung von Schule; der lernzielorientierte Frontalunterricht weicht der Idee eines "Offenen Unterrichts". Einige Schulen sind sofort dabei, sehen Schule als Lern- und Lebensraum der Kinder, nutzen die ihnen jetzt durch unverbindlicher formulierte Lehrpläne anvertraute Freiheit und entwickeln engagiert eigene Schulprogramme. Andere Schulen sind schwerfälliger, halten die neuen Methoden entweder für eine wieder vorbeigehende "Masche" wie seinerzeit die Mengenlehre oder aber "haben es ja immer schon so gemacht".
Was herauskommt ist eine Praxis Offenen Unterrichts, die verschiedener nicht sein könnte. Dem Offenen Unterricht vorangestellte Unterrichtsmethoden wie Freiarbeit, Wochenplan und Projektunterricht werden -da indirekt vorgeschrieben - mittlerweile formal von den meisten Lehrern bzw. Schulen praktiziert. Beleuchtet man aber das, was dort im Unterricht passiert, so ist von einem "offenen" Unterricht oft nichts zu spüren: Freiarbeit pendelt zwischen Laisser-faire und strengen Vorgaben hin und her und der Wochenplan ist die Zusammenfassung aller vorher einzeln ausgegebenen Arbeitsblätter anstelle einer auf das einzelne Kind abgestimmten Arbeitshilfe zum selbständigen Lernen. Projektunterricht in Reinform weicht "Alibi-Projektwochen", die meist komplett von den Lehrern vorgegeben werden und in themenzentrierten Unterrichtsreihen oder "Hobbyprogrammen" mit anschließender Ergebnisausstellung zur "Schulpromotion" enden.
Wer dabei auf der Strecke bleibt, sind Kind und Reform. Beim "Vorschreiben" freien Arbeitens durch die Richtlinien hat man nicht bedacht, dass das mit der Praktizierung freier Lernformen einhergehende Vertrauen in das selbständige Lernen der Kinder bei vielen Lehrpersonen so nicht vorhanden ist. Die Folge ist klar: Man überträgt die neuen Begriffe auf die alte Praxis - die Begriffe verwaschen. Die Utopie eines Offenen Unterrichts ist - nach einem missglückten Start Anfang der siebziger Jahre- durch aktuelle Konzepte wie "Lesen durch Schreiben", "Mathe 2000" und Werkstattunterricht zwar nun scheinbar wieder hoffähig geworden, hat sich im Prinzip aber selbst verloren und stellt nur noch die blasse Kontur des ursprünglichen Ideals dar:
selbständige Kinder arbeiten intensiv und mit Spaß an eigenen Aufgaben, gestalten sich ihre Schule und ihren Unterricht gemeinsam selber.
Besinnt man sich wieder auf dieses Ideal, so wird der Missbrauch der oben angesprochenen freien Unterrichtsformen offenbar. Das Vertrauen in die Kinder lässt keine Kompromisse zu. Der Lehrer muss die Schüler vom ersten Tag an wirklich selbständig arbeiten lassen. Er muss sie als Individuen sehen und annehmen. Er muss ihnen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen, darf dabei aber nicht ihre Selbständigkeit einschränken.
So verstandener Offener Unterricht zeigt die Ziele von Freiarbeit, Wochenplan und Projektunterricht wieder anschaulich und fasst die Arbeitsformen im Endeffekt auch wieder zusammen: Freiarbeit ist die individuelle Beschäftigung mit selbstausgesuchten Themen und kreativen, eben nicht rein reproduktiven Materialien, Wochenplan die individuelle Organisationshilfe, die sich der einzelne Schüler selbst zusammenstellt und Projektunterricht das gemeinsam geplante Angehen eines zusammen ausgesuchten Themas.
Dabei muss nicht jede Stunde Unterricht in der Schule Offener Unterricht sein, aber dieser muss immer die Ausgangsbasis darstellen. Das Vertrauen des Lehrers in die Schüler muss bei jedem Fach und jeder Methode ehrlich und für die Kinder offensichtlich sein. Halte ich als Lehrer einen großen Teil "Informationsunterricht" für notwendig, so müssen diese Phasen aus dem Unterricht situativ begründbar sein und so für den Schüler transparent sein. Nur so kann eine innere Lernbereitschaft entstehen; man muss wissen, wofür man etwas lernt.
Läuft der lehrerzentrierte Unterricht nicht nach diesem Grundsatz ab, so können die offeneren Phasen nur ein nicht ernst gemeintes Alibi zur "Richtlinienverwirklichung" darstellen, denn pädagogisch ist dieser harte Wechsel des "Erziehungsstils" nicht zu rechtfertigen, da sich die Schüler notgedrungen in einer aussichtslosen Doppelbindungssituation befinden: Einerseits größtmögliche Anpassung an den vorgegebenen Stoff, den Lernweg, an Zeit und Raum, andererseits kreatives Entdecken und selbständiger Wissenserwerb auf individuellem Weg. Diesen Widerspruch zu überwinden, das können nur die intelligentesten und anpassungsfähigsten Kinder schaffen.
Schön wäre es, wenn wieder viele Lehrer Vertrauen in die ihnen anvertrauten Kinder und ihr Lernen fassen und ihre Zeit nicht mit "Motivationstricks" und "Überdifferenzierung" verschenken würden, ihre Arbeitsmittelsammlungen auf ein paar wirklich wertvolle, kreativitätsfördernde, zum Selber-Entdecken und Selber-Denken anregende Materialien reduzieren würden (z.B. nur weiße Blätter und Sachbücher) und so den Kindern die Chance gäben, dem schulischen Konsum zu entgehen und einmal wirklich selbst arbeiten zu dürfen.
Und dies ganz, ganz konsequent und mit einem hohen Ideal!"
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Falko Peschel,
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