Samstag, 5. Januar 2013

Ich denke, Charlotte Noack fasst gut in Worte, was ich täglich erlebe. Aber meiner Meinung nach werden nicht nur Schüler passivisiert, auch die Lehrer. Ein gemeinsames Gestalten von schule und Unterricht der an diesen beteiligten Personen ist kaum noch möglich und von vielen kaum noch erwünscht. SChule verkommt zum "Abarbeiten". Ich bewundere alle, aber insbesondere junge Menschen, die den Mut haben, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen!


Ich werde passivisiert Drucken
charlotte_noackDie siebzehnjährige Berliner Schülerin Charlotte Noack hat sich mit einer Mitschülerin zu Beginn der 11. Klasse von der Schule abgemeldet. Gemeinsam bereiten sie sich aufs Abitur vor. Darauf wollen sie nicht verzichten. Aber dem schädlichen Einfluss der Schule, die sie erfahren haben, wollen sie entkommen.

Das Nichtschulabitur

Von Charlotte Noack „Was tun?“ fragt Lenin und bezieht sich in seiner Rede auf einen gleichnamigen Roman von Tschernytschewsky. Das Buch handelt von einer bürgerlichen Frau, die ihre Zeit dazu gebraucht, ein Kollektiv von Frauen zu organisieren, die sich selbst finanzieren und unterrichten, kurz, die ihrem Leben einen Sinn geben. Einen Sinn aus sich selbst heraus zu finden war etwas, das ich, selbst als großer Tschernytschewsky-Fan völlig verlernt hatte. Gruseligerweise ohne es selbst zu merken.
Ich hätte mich immer als unabhängigen, freien Menschen bezeichnet, der die Schule liebt. Eine von denen, die genug auf dem Kasten haben, nie etwas tun zu müssen um durchzukommen und die Zeit dazu nutzen sich zu langweilen, mit Freunden zu unterhalten und auszuprobieren, ob und wie man sich in der Chemiestunde die Nägel lackieren kann.
Aber als mir eines Tages ein Lehrer eine Arbeit mit den Worten zurückgab, sie sei sehr gut, aber er glaube, sie sei noch nicht ganz fertig und ich sollte mich doch noch ein bisschen mit ihr auseinandersetzen, war ich perplex. Mein erster Gedanke sah ungefähr folgendermaßen aus: „Häh? Wieso, ich hab doch meine Note und der Abgabetermin ist doch sowieso längst vorbei, wieso soll ich mich denn da nochmal ran setzen?“ Irgendwo war mir aber nicht ganz wohl bei dieser Reaktion, also nahm ich die Arbeit an. Erst als ich mich über Monate hinweg nicht dazu motivieren konnte, mich nach der Schule hinzusetzen und den Text zu überarbeiten, ohne Abgabetermin und ohne Zweck, fiel mir die Idiotie meiner Situation auf:
Ich gehe in die Schule, damit ich etwas lerne, aber der Effekt des Systems ist, dass ich vollkommen vergesse, dass ich etwas lernen will, sondern vielmehr mich in einer Pflichtsituation befinde, in der ich eine gewisse Leistung erbringen muss, um in Ruhe gelassen zu werden. Den Rest der Zeit will ich bitteschön für mich haben. Dass die Schule eigentlich ein Dienst ist, der mir erbracht wird, damit ich die Chance habe mir bei meinen Lehrer Rat und Hilfe zu holen, geht völlig unter in dieser Entverantwortlichungsmaschine, als die die Schule funktioniert.
Wenn ich Erwachsene frage, was sie z.B. im Chemieunterricht gelernt haben, bekomme ich Antworten wie: „Oh, da saß ich neben einem, der konnte so toll zeichnen.“ Oder: „Ich habe auf einem karierten Blatt 60 Kästchen eingezeichnet und für jede Minute ein Kästchen ausgemalt“ (sie erinnern sich nicht einmal mehr daran, dass eine Schulstunde nur 45 Minuten hat). Daraus schließe ich, dass ich nur einen Bruchteil des in der Schule gelernten Stoffes behalten werde. Wenn das aber der Fall ist, so geht man eigentlich in die Schule, um andere Dinge zu lernen. Solche Dinge wie Texte zu schreiben, sich selbst zu disziplinieren und Verantwortung in Gruppen zu übernehmen. Genau diese Dinge aber lerne ich nicht, sondern im Gegenteil, ich werde passivisiert.
Im Bann meiner neuen Erkenntnis, begann ich mit allen meinen Freunden darüber zu diskutieren. Wir erfanden nach und nach eine Schule, die für uns ideal wäre. Fest davon überzeugt, dass man Dinge auch ermöglichen kann, wenn man sie nur will, fanden wir auch einen Weg: Das Nichtschülerabitur. Nachdem wir uns beim Kultusministerium noch einmal genauer Informiert hatten, stand mein Entschluss fest und ich begann meine Lehrer über mein baldiges Ausscheiden zu informieren. Nur eine Freundin von einer anfangs größeren Gruppe machte schließlich wirklich mit. Ohne sie wäre alles deutlich schwieriger geworden. Sowohl einige Lehrer als auch viele Privatpersonen waren erstaunlich enthusiastisch und unterstützungsbereit.
Nach einem halben Jahr Planung konnten wir beginnen und meldeten uns einfach nach der elften Klasse von der Schule ab.
Unser Lernen sieht jetzt folgendermaßen aus: Wir treffen uns, ganz dem Schulalltag gemäß jeden Tag um acht Uhr und arbeiten, abhängig von unserer Konzentration, bis zwei oder vier. Englisch und Französisch machen wir jeden Tag eine viertel Stunde, da Sprachen nach regelmäßiger Übung verlangen. Ansonsten lernen wir epochal, jede Woche ein Kurshalbjahr lang nur ein Fach. Es gibt vier Kurshalbjahre für jedes Fach und acht für die Leistungskurse, da wir uns in acht statt in fünf Fächern prüfen lassen müssen. So kommen wir auf 30 Wochen. Das ist deutlich weniger als ein Jahr in der zweijährigen Oberstufe (ca. 40 Wochen). Dadurch haben wir mehrere Wochen, die wir für Eigeninteressen nutzen können, zum Beispiel ein Thema von einem anderen Gesichtspunkt her bearbeiten, oder endlich mal alle Filme sehen, die man während der Berlinale gerne sehen würde. Da die Oberstufe aber zwei Jahre hat, wiederholen wir alle Themen. Im ersten Jahr, das wir gerade abschließen, häufen wir alles Wissen an, das die Themen erfordern: Z.B. sich mit den wichtigsten Demokratietheorien auseinandersetzen. Im zweiten Jahr werden wir lernen, dieses Wissen auch anbringen zu können; wie hält man einen guten Vortrag? Wie schreibt man eine Erörterung? Usw. Selbstverständlich benötigt man für das zweite Jahr das im ersten erarbeitete Wissen, gleichzeitig wiederholt man durch den Vortrag das Wissen des Vorjahrs. Besonderen Wert legen wir dabei darauf, zu lernen wie wir uns selbstständig kritisieren und verbessern können.
Zurzeit sind wir sehr zufrieden und überzeugt, genau den für uns richtigen Weg zu gehen, denn selbst wenn unsere Abiturnote leiden sollte -was uns das Schulamt prophezeit hat- haben wir viel Verantwortung, Politik und vor allem viel über uns selbst gelernt.
Was wir uns immer sagen, wenn es mal nicht so gut läuft: „Es ist untragbar in der Schule zu sitzen, sich zu beschweren und trotzdem nichts zu ändern, aber wenn wir zurück in die Schule gehen müssen, wissen wir wenigstens, warum wir dort sind!“.
http://www.adz-netzwerk.de/Ich-werde-passivisiert.php

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Von dem Individuellen zur anonymen Masse

Was mir seit einigen Tagen im Kopf herumschwirrte: Das Kleinkind in der Familie, zumal es noch Einzelkind oder das erste Kind ist, bekommt die volle Aufmerksamkeit der Eltern. So ist es vollkommen individualisiert. Bei der Geburt des zweiten Kindes oder ändert sich das. Die Individualisierung wird zugunsten einer Aufmerksamkeit zurückgedrängt, die sich nun auf zwei Kinder verteilt. Die anfänglich extreme Individualisierung geht zurück.
Im Laufe der Entwicklung einer normalen Biographie wird die Einzigartigkeit des Kindes immer stärker in Frage gestellt und zum Teil bewusst negiert. So ist die Kindergartengruppe und später die Klasse ein Ort, in dem die Anonymisierung weiter vorangetrieben wird. Später, beim Eintritt in das Berufsleben, bleibt nur noch eine Steuernummer übrig. Aufgelöst in der Masse. Ehrlicherweise muss man sagen, dass in Deutschland dieser Schritt schon bei der ersten Anmeldung bei der Stadt des Neugeborenen vollzogen wird: Dem Kinde wird nach einigen Tagen eine lebenslange Steuernummer zugewiesen...
Was hat dies mit Schule zu tun? Ich glaube, dass die höheren Jahrgänge, ab der 7. oder 8. Klasse bis zur 10. Klasse, schwerer zu begeistern sind, schwieriger zu motivieren sind, da ihnen das System Schule in der Sekundarstufe ab dem 5. Jahrgang immer deutlicher macht, dass sie nur ein Teil der Masse sind. Das sie austauschbar sind. Diese Anonymisierung wird, wenn auch nicht bewusst so benannt oder erlebt, auf die Kosten der individualisierten Lernprozesse.
Die ganz bewusste Individualisierung der Jugendlichen durch Musik, Kleidung, usw. ist ein Ausdruck von dem Verlust der systemischen Individualisierung. Man strebt danach etwas besonders zu sein, etwas besonders zu haben. Vielleicht sind Jugendliche, die nicht dieses unbedingte Streben nach äußerer Individualisierung haben, sich ihrer inneren Individualisierung sicherer.

Noch nicht zu Ende von mir gedacht, aber bevor ich den Ansatz wieder verliere, archiviere ich ihn...

Sonntag, 2. Dezember 2012

Metaphern - mehr als ein Thema im Deutschunterricht

Beim Lesen des sehr informativen Artikels auf der Zeit, der sich mit Sprache und deren Auswirkung auf uns und unser Denken beschäftigt, kamen mir natürlich auch Gedanken zu dem Lernen an sich. Besonders die folgenden beiden Absätze erscheinen mir wichtig für unser tägliches Handeln:
Lakoff ist überzeugt: »Wir reden nicht nur in Metaphern, wir denken in Metaphern.« Seine Grundannahme besteht darin, dass Metaphern aus direkten, körperlichen Erfahrungen entstanden sind. Zum Beispiel ist Zuneigung Wärme und umgekehrt: Da ist jemand warmherzig, ein anderer zeigt eher die kalte Schulter. Man kann sich für jemanden erwärmen, und Beziehungen können auch erkalten. »Wenn wir als Kinder von unseren Eltern im Arm gehalten werden, dann spüren wir Wärme. Und gleichzeitig spüren wir Zuneigung. So lernen wir die Verbindung zwischen beiden«, erklärt Lakoff.
Das könnte eine anschauliche Erklärung dafür sein, wie Kinder lernen, über abstrakte Konzepte nachzudenken. Es könnte auch erklären, wie Schüler und Erwachsene komplizierte Sachverhalte erfassen. Tatsächlich zeigt die Lernforschung, dass Metaphern und Analogien es leichter machen, sich neues Wissen anzueignen. Glaubt man Lakoff, sind Analogien wie »Ein Atom ist aufgebaut wie ein Sonnensystem« oder »Ein Antikörper funktioniert wie ein Schlüssel für ein Schloss« nicht bloß pädagogische Hilfsmittel, sondern der Grundmechanismus, mit dem wir schwer zugängliche Konzepte überhaupt erst verstehen – Analogien und Metaphern als unser wichtigstes Denkwerkzeug.
Vivien steuerte auch nach meinem Nachfragen ("Sag mal: ist eine Metapher eine verbalisierte Visualisierung?" - was sich ja ziemlich gut anhört, wie ich finde!) auch gleich eine richtige Definition von Metapher bei:
Ja, eine übertragene bildliche Darstellung, wo Bedeutungen einer anderen Sache auf eine andere übertragen wird, z.B. laufende Nase oder der krähende Mensch
Bisher habe ich die Visualisierungen im Unterricht immer eher wie von Brüning und Saum in ihrem Standardwerk "Erfolgreich unterrichten durch Visualiseren" verwendet. Also eine grafische Umsetzung eines Textes - gerne auch mittels einer concept map. Aber nun sollte ich mir mal überlegen, wie eine Schüleraktivität aussehen könnte, die einen Text in eine Metapher umsetzt. Es gibt gerade in der Biologie ja Beispiele, wo die SuS ihr Wissen auf eine andere, symbolische Ebene heben sollen (z.B. Enzymaktivität und -regulation als Bahnhofsvorhalle etc.). Aber das die SuS selber direkt von dem Text in eine andere Ebene kommen? Das ist wohl auch ziemlich schwer. Aber wir sind ja auch nicht auf dem Ponyhof hier!

Donnerstag, 29. November 2012

another test



 during an engineering test


;)

Margret Rasfeld: Warum Hierarchien verschwinden und neue Führungskompetenzen nötig werden

klick hier zum Video-Beitrag

Margret Rasfeld ist Biologie- und Chemielehrerin mit Zusatzqualifikationen in der Organisationsentwicklung, ThemenzentriertenInteraktion (TZI), Kunst- und Gestaltungstherapie. Nach langjähriger Tätigkeit an Gymnasien hat sie mehrere Schulen aufgebaut, darunter von 1997-2007 als Schulleiterin die vielfach hochrangig ausgezeichnete AGENDA-Schule Essen Holsterhausen. Als Educational Entrepreneur entwickelt sie an der neu gegründeten Evangelischen Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum ein anspruchsvolles bundesweit beachtetes Reformprogramm und setzt es mit ihrem engagierten Team um. In "Schulfächern" wie Verantwortung, Herausforderung, Zukunft engagieren sich alle SchülerInnen zwei Jahre lang im Gemeinwesen, meistern dreimal eine dreiwöchige Herausforderung außerhalb von Berlln, wollen blueeconomy umsetzen. Die SchülerInnen bilden GrundschülerInnen zu Klimabotschaftern aus, unterstützen als Sprachbotschafter Kinder in Brennpunktschulen im Unterricht,  sind schon als 13-Jährige Referenten auf Tagungen und führen als Experten in eigener Sache hochnachgefragte Fortbildungen für Schulleiter- und Lehrer eigenständig durch. Allein in 2010 haben die SchülerInnen über 800 Teilnehmer von der neuen Lernkultur begeistert. Margret Rasfeld engagiert sich seit 30 Jahren in der Schul- und Kommunalentwicklung.


Samstag, 22. September 2012

Die neue Kultur des Teilens

Wenn man früher einen Kaffee teilte, dann hatte man am Ende einen halben Kaffee. Wenn man heute im Internet etwas teilt, haben am Ende beide einen ganzen Kaffee - oder zumindest ein Bild davon.

Mayra, 5 Jahre, denkt zur Zeit mehr noch in der Internet-Kategorie "Teilen" - Paul, 6 Jahre, ist schon ein Entwicklungsschritt weiter. 

Wirft uns das Internet also in eine kindliche Phase des Teilens zurück? Ist das gut? Wollen wir das?

Mittwoch, 4. Juli 2012

Grenzen der Kindheit


Vor einigen Tage habe ich auf strangemaps eine Karte entdeckt, die mir schon seit einer GEO Ausgabe im Kopf herumschwirrte, aber nicht mehr richtig fassen konnte. Die besprochene Karte bei strangemaps war eine Karte aus einem Daily Mirror-Artikel, dessen Grundidee schon vor einigen Monaten in der Zeitschrift GEO Verwendung fand: Je weiter wir in die Vergangenheit gehen, desto mehr Bewegungsfreiheit hatten die Kinder. In diesem Falle am Beispiel einer englischen Familie über mehrere Generationen, deren Kinder im Alter von jeweils acht Jahren, verschiedene Aktionsradii hatten: Konnte der Urgroßvater noch alleine fast 10km bis zum nächsten guten Angelplatz laufen, so endet die derzeitige Bewegungsfreitheit am Ende der Strasse! Strange Maps fragt zurecht, ob die kommende Generation in einem Zoo-ähnlichen Ambiente aufwachsen wird.

Auf die schnelle habe ich keine Angaben im Netz gefunden, ob die Kinder heute gefährlicher leben als früher. Ich nehme mal an: Nein. Aber woher kommt die Abnahme des Bewegungsradius? Gibt es bei den Eltern ein grundsätzlicheres Misstrauen gegenüber der Umwelt? Engen die Erwachsenen die Kinder zurecht ein? Ist der Trend zur Ein-Kind-Familie der Grund? Wenn ich nur ein Kind habe, dann kann ich zunächst alle ökonomischen Investitionen bei dem einen Kind fokusieren. Wenn diesem Kind aber etwas zustößt, dann habe ich einen Verlust von 100%. Bei zwei Kindern nur 50%, bei drei 33%, usw. Ich will nicht sagen, dass die Eltern wirklich so denken, aber im Unterbewussten könnte es schon so sein.